Grade bin ich wieder über einen etwas älteren Artikel gestoßen. Er handelt von einem Lebensmittelhersteller, der in Konflikt mit Greenpeace geraten ist. Streitpunkt war die Abholzung des Regenwaldes zugunsten der Gewinnung von Palmöl, welches jener Hersteller zu für seine Produkte benötigt.
Dies wäre insofern eigentlich nicht der Rede wert. Allerdings ist bei der Sache die Rolle von Social Networks interessant.
Am Anfang war alles normal. Nestlé hatte für besagtes Produkt eine Fanpage eingerichtet und die Fans kamen in Scharen. Bis heute ist Anzahl der Fans auf über 700.000 gestiegen.
Dann allerdings trat Greenpeace auf den Plan. Um sich Gehör zu verschaffen erstellten sie ein Video und verbreiteten dies, dann folgte eine Twitter – Wall vor der deutschen Konzernzentrale und dann letztendlich wurden die Aktivisten Fans. Um sich dann dort Gehör bei der Zielgruppe zu verschaffen: den Fans und somit den potentiellen Kunden. Die reagierten allerdings nicht, wie wahrscheinlich von Nestlé gewünscht mit purer Ignoranz, sondern nahmen die Botschaften ernst und verlangten eine Erklärung.
Und hier zeigt sich dann, dass die Welt das Internet und Social Media noch nicht verstanden hat: man reagierte mit Zensur statt mit Diskussion
Die Video auf Youtube ließ man löschen, die Beiträge auf Facebook zensieren. Begründung: “Thanks for the lesson in manners. Consider yourself embraced. But it’s OUR page, we set the rules, it was ever thus.”
Nicht grade die feine englische Art und im Internet eine ganz und gar nich gern gesehen Praxis und Vorgehensweise. Und auch in der Politik herrscht noch reichlich Angst vor dem Internet und Social Media.
Zurecht: denn mit dem Internet wie wir es heute kennen, haben sich grundsätzlich die Machtpositionen geändert. Vorbei sind die Zeiten als Politiker und Institutionen ihr Recht auf Wahrheit durch Kontakte zu den Massenmedien sichern konnten. Denn auch die Medien sind mittlerweile zur Zielscheibe geworden. Bestes Beispiel: der Bildblog, der nun mittlerweile der “Bildblog für alle” ist, kurzum sich also nicht nur auf die Bildzeitung, sondern auch andere Medien beschränkt.
So manchem Polizisten und so manchem Angestellten in der Justiz dürfte der lawblog sauer aufstoßen. In aller Regelmäßigkeit wird über so manchen Missstand und so manchen Unregelmäßigkeit in der deutschen Rechtsprechung berichtet. Und nebenbei lernt man noch den ein oder anderen rechtlichen Kniff.
Dies sind nur zwei Beispiele dafür, wie sich unser Bild von der Gesellschaft ändern kann, aber auch wie wir erfahren, wie viel eine Masse einzelner Aufgebrachter erreichen kann.
Bestes Beispiel dafür: die Abmahnung des Blogs nomnomnom durch Eva S. bzw. durch ihren Anwalt. Am Anfang war das Kräfteverhältnis scheinbar so, wie man es sich erwartet hatte: gut bezahlter Anwalt gegen Privatperson. Streitwert: 1200€ wegen angeblich unautorisierten Kopierens oder anders: Urheberrechtsverletzung. Der Blogger hatte Links auf zwei Artikel von Eva S. gesetzt und drei Passagen daraus in seinem Artikel zitiert. Dabei war der Artikel nicht mal kritisch gegen die Autorin gerichtet.
Der angeklagt Blogger wandte sich daraufhin an einen größeren Blog, der wesentlich mehr Menschen erreichte und über den Vorfall berichtete, woraufhin eine ziemliche Protestwelle auf den Blog und das E – Mail Konto der Autorin losbrach. Das Ende der Geschichte: der Blogger kam glimpflich davon.
Ich finde diese Beispiele immer sehr interessant, da sie mich zu der Frage führen, inwiefern unsere Gesellschaft demokratischer und aufgeklärter werden kann bzw. inwiefern das Internet und Social Media uns als Gesellschaft beeinflussen und alte Machtverhältnisse auflösen können. Denn wie sich zeigt, ist niemand wirklich vor dem Internet sicher: kein Konzern und keine Institution, Einzelpersonen schon gar nicht.
Schade ist nur, dass dies scheinbar noch nicht von der ganzen Gesellschaft begriffen wurde und immer noch die reine Schuldvermutung für das Internet gilt. Unrechtmäßiges Kopieren, unseriöser Journalismus, Umschlagsplatz für Kinderpornografie, krimineller Hackertreff. Nur einige Begriffe die man zu hören bekommt, wenn Politik und Journalismus Stellung zum Internet beziehen sollen.
Dabei könnte man über die ganzen Plattformen vieles anders machen. Man könnte sich Meinungen der Leser und der breiten Masse einholen und darauf reagieren, dem nachgehen und die Menschen mit einbinden. Wir könnten uns selbst zu gewissen Idealen berufen und uns selbst kontrollieren, ob wir sie einhalten.
Die Frage ist allerdings, ob das überhaupt so gewollt ist oder wird. Denn dort wo jeder hinschaut, kann nun mal nicht mehr so leicht Schindluder getrieben werden. Die Frage ist nur, ob ich nicht grade einer sehr geschönten Sichtweise auf den Leim gehe und ob das wohl ewig ein Traum bzw. eine Wunschvorstellung sein wird. Eine, die noch keine konkreten Pläne und Modelle hat. Doch ehrlich gesagt, mir fallen keine ein. So ist die Frage: inwiefern kann Social Media unsere Gesellschaft ändern? Welche Perspektiven sehr ihr?